Be like water, my friend
Ein Text über die Formlosigkeit der Souveränität.
Es gibt Sätze, die sagen mehr als sie erklären.
„Be like water, my friend“ ist so einer. Bruce Lee sprach ihn – nicht als Kalenderspruch, sondern als Essenz. Von Kampfkunst. Und Lebenskunst.
Was bedeutet das?
Wasser ist weich. Und stärker als Stein. Es passt sich an – aber bleibt sich treu. Es findet seinen Weg – oder wartet, bis einer entsteht. Es ist nicht unabhängig – aber nicht zu stoppen.
Wer souverän ist, muss nicht starr sein, um Haltung zu haben. Und nicht laut, um Wirkung zu entfalten. Im Gegenteil: Oft ist die größte Souveränität die leiseste. Die, die mitgeht – ohne mitzulaufen. Die, die sich beugt – aber nicht bricht. Die, die nichts forciert – aber auch nichts vermeidet.
Souveränität ist keine Rüstung. Sie ist ein Flussbett. Manchmal auch eine Welle. Aber nie Beton.
Sie lebt davon, dass man loslässt, was einen eigentlich halten soll: die Meinung, das Image, die Erwartung. Und genau darin entsteht Handlungsspielraum. Nicht durch Widerstand – sondern durch Bewegung.
Wu wei – das „Nicht-Tun“ im Daoismus – meint genau das: den natürlichen Lauf der Dinge nicht blockieren, sondern sich mit ihm entfalten.
(vgl. Laozi, Daodejing)
Wer souverän ist, entscheidet nicht immer zuerst. Aber oft am besten. Weil er nicht das laute Außen spiegelt, sondern aus dem stillen Innen handelt. Er ist nicht „der Stärkste“. Aber er bleibt. Während andere rollen, rufen, rennen.
Water does not resist. It flows.
(Margaret Atwood, paraphrasiert)
Und manchmal ist Souveränität einfach das:
nicht zu werden wie das, was einen herausfordert.
Quellen
- Laozi (ca. 500 v. Chr.): Daodejing
- Bruce Lee (1971): Interview, The Pierre Berton Show
- Alan Watts (1951): The Wisdom of Insecurity
- Frankl, V. E. (1985): Man’s Search for Meaning
- Suzuki, S. (1970): Zen Mind, Beginner’s Mind
Quellenangabe des Essays
Rossberger, R. (2025). Be like water, my friend. rossberger.eu.
