Person Michel Foucault

Michel Foucault (1926–1984) — Philosophie, Diskurstheorie, Wissenssoziologie, Ideengeschichte

Verortung: Französischer Philosoph und Historiker der Ideen, ab 1970 Professor am Collège de France auf dem eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für „Geschichte der Denksysteme“, einflussreichster Diskurstheoretiker des späten 20. Jahrhunderts.

Hintergrund: Studierte Philosophie und Psychologie in Paris, war zeitweise selbst in psychiatrischer Behandlung und arbeitete früh in psychiatrischen Kliniken – eine Erfahrung, die seine lebenslange Beschäftigung mit der Konstruktion von „Wahnsinn“ und „Normalität“ prägte. Seine Studien untersuchten, unter welchen historischen Bedingungen Wahnsinn, Delinquenz und Sexualität überhaupt erst zu Gegenständen von Wissen, Institutionen und Machtausübung wurden, statt als zeitlose Naturtatsachen zu gelten.

Wichtigste Positionen & Erkenntnisse: Kategorien wie „vernünftig/unvernünftig“ – oder, übertragen, „nachhaltig/nicht nachhaltig“ – sind für Foucault keine neutralen Abbildungen einer vorgängigen Wirklichkeit. Sie entstehen innerhalb konkurrierender Diskurse, werden durch Institutionen (Kliniken, Gefängnisse, Wissenschaften, heute: Ratingagenturen und Regulierungsbehörden) stabilisiert und bestimmen darüber, was in der Folge als legitimes Wissen, legitimes Handeln, legitimes Wachstum gilt. Macht wirkt dabei nicht nur repressiv, sondern produktiv: Sie erzeugt die Gegenstände, über die sie zu herrschen scheint.

Wichtigste Beiträge: Wahnsinn und Gesellschaft (1961) – die Genealogie der Ausgrenzung des Wahnsinns durch die Vernunft; Überwachen und Strafen (1975) – Disziplinarmacht und die Entstehung des modernen Gefängnisses; Der Wille zum Wissen (1976), erster Band von Sexualität und Wahrheit; die Diskursanalyse als eigenständige, breit rezipierte Methode der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Bezug zum Souveränitätskontext: Foucault liefert die diskurstheoretische Grundlage des gesamten Beitrags: Bereits die Wahl eines Nachhaltigkeitsmodells (SDGs, Doughnut-Ökonomie, Drei-Säulen-Modell) ist ein diskursiver Akt, kein neutraler Fund. Am Ende schließt sich der Kreis: Ohne Offenheit und Diskurs kippt, was kontingente, souverän gebildete Rationalität sein könnte, in Ideologie – Foucaults Hinweis auf die diskursive Grenzziehung zwischen Vernunft und Unvernunft markiert damit genau die Gefahr, an der jede Souveränitätskonzeption scheitern kann, wenn sie sich für neutral statt für urteilsfähig hält.

Aus dem Personenglossar zum Vortrag „Nachhaltiges Wachstum als umkämpfte Ordnungskategorie“ (Robert Rossberger, Markus Grottke; XIII. Tagung für Praktische Philosophie, Passau, 24.–25.9.2026).