KI am Arbeitsplatz   Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

. KI-Werkstatt: Forschung – Praxis – Arbeitswelt, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Dortmund, Germany

Über den Beitrag

KI am Arbeitsplatz: Zwischen Hype und Orientierungslosigkeit

Die unsichtbare Revolution im Büro

In modernen Bürolandschaften findet derzeit eine stille, aber tiefgreifende Transformation statt. Während in den Chefetagen noch über langfristige Roadmaps debattiert wird, haben die Mitarbeitenden längst Fakten geschaffen.

Doch diese „unsichtbare Revolution“ birgt Risiken: Es entsteht eine unkontrollierte „Schatten-KI“, bei der Tools ohne zentrale Steuerung oder strategischen Überbau genutzt werden. Die Diskrepanz zwischen der hohen individuellen Nutzungsintensität und dem erheblichen Mangel an Führung ist alarmierend.

Es herrscht eine Atmosphäre, die gleichermaßen von Neugier und gefährlicher Orientierungslosigkeit geprägt ist.

Der 80-Prozent-Blindflug: Fehlende Leitplanken

Die aktuelle Datenlage offenbart ein massives strategisches Vakuum. Ein Großteil der Belegschaft experimentiert zwar mit generativer KI, navigiert dabei jedoch völlig ohne Kompass.

80 Prozent der Befragten geben an, keinerlei Vorgaben von ihren direkten Führungskräften zu erhalten, wie KI im Arbeitsalltag sinnvoll in die Prozesse integriert werden soll.

Für Unternehmen ist dieser Blindflug hochriskant. Ohne klare Leitplanken werden Ressourcen ineffizient eingesetzt. Gleichzeitig bleibt die Chance ungenutzt, KI an den tatsächlichen strategischen Kernzielen auszurichten.

Das Management versäumt es, den notwendigen Rahmen für Produktivität und Sicherheit zu definieren.

Vier von fünf Befragten erhalten keine Vorgaben, für welche Ziele sie KI nutzen sollen.

Das ungenutzte Gold: 67 Prozent der Kompetenzen liegen brach

Ein Ergebnis ist besonders besorgniserregend: das brachliegende Innovationspotenzial innerhalb der eigenen Belegschaft.

67 Prozent der Mitarbeitenden wurden bisher noch nie aktiv auf ihre bereits vorhandenen KI-Kenntnisse angesprochen.

Wenn zwei Drittel der Belegschaft über Kompetenzen verfügen, die von der Führungsebene schlicht ignoriert werden, ist das nicht nur eine Verschwendung bereits getätigter Investitionen in das Humankapital. Es stellt zugleich einen massiven Wettbewerbsnachteil dar.

In einem von Geschwindigkeit geprägten Marktumfeld können es sich Unternehmen nicht leisten, dieses „ungenutzte Gold“ der internen Expertise links liegen zu lassen. Der wirtschaftliche Nutzen bestehender Fähigkeiten bleibt auf diese Weise aus.

Wahrnehmung versus Realität: Der strategische Graben

Die Kluft zwischen der operativen Realität und der strategischen Verankerung wird immer breiter.

Auf der Anwenderseite ist die Akzeptanz hoch: 56 Prozent der Mitarbeitenden verzeichnen bereits heute deutliche Qualitätssteigerungen durch den KI-Einsatz.

Dieser positiven Wahrnehmung steht jedoch eine mangelhafte organisatorische Basis gegenüber, die durch eine gravierende Qualifizierungslücke gekennzeichnet ist.

Die Daten zeigen, dass der Nutzen zwar erkannt wird, die notwendige Begleitung aber fehlt:

  • Nur 33 Prozent der Unternehmensleitungen haben klare KI-Ziele formuliert.

  • Jeder zweite Befragte hat bisher keinerlei KI-Schulung erhalten.

Dieser strategische Graben führt dazu, dass Effizienz- und Qualitätsgewinne durch KI isolierte Zufallsprodukte bleiben, anstatt Teil einer systematischen Wertschöpfung zu werden.

Einsame Pioniere: Wenn die IT die einzige Stütze ist

Die Unterstützungssituation in den Betrieben verdeutlicht die Isolation der Nutzenden. Wer Fragen hat, ist häufig auf sich allein gestellt oder muss sich im informellen Raum behelfen.

Die Unterstützung verteilt sich wie folgt:

  • 38 Prozent erhalten Hilfe durch die IT-Abteilung.

  • 37 Prozent erhalten überhaupt keine Unterstützung.

  • 35 Prozent verlassen sich auf ihr Team oder ihre Kolleginnen und Kollegen.

  • Nur 20 Prozent erfahren Unterstützung durch ihre direkte Führungskraft.

Es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet die direkte Führungsebene, die als Brücke zwischen Technologie und Arbeitsalltag fungieren sollte, das schwächste Glied in der Kette darstellt.

Wenn der Austausch primär kollegial oder rein technisch über die IT erfolgt, fehlt die methodische und strategische Begleitung, die für eine echte Transformation notwendig wäre.

Die Pilotfalle: Warum wir über Experimente hinausmüssen

Viele Organisationen stecken derzeit in der sogenannten Pilotfalle fest:

  • 34 Prozent der Unternehmen unternehmen erste Schritte in Pilotphasen.

  • Lediglich 11 Prozent nutzen KI bereits unternehmensweit.

Um den Status des bloßen Experimentierens zu verlassen, ist ein grundlegender Schwenk erforderlich:

Vom Pilotprojekt zur Strategie.

Nur wenn KI-Anwendungen über isolierte Einzelprojekte hinaus systematisch in die Geschäftsprozesse eingebettet werden, entsteht ein nachhaltiger und messbarer Geschäftsnutzen.

Fazit: Struktur schafft Vertrauen

Um die Orientierungslosigkeit zu überwinden, müssen Unternehmen eine Erfolgstrias aus Governance, Führung und Kultur etablieren.

Dabei gilt das Prinzip:

Strukturen zuerst.

Bevor eine Kultur der Offenheit wirklich greifen kann, müssen die strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden.

1. Struktur: Governance

Klare Rollen und verbindliche Richtlinien schaffen die notwendigen Voraussetzungen für eine verlässliche, sichere und unternehmensweite Integration von KI.

2. Führung: Orientierung

Führungskräfte müssen befähigt werden, die Strategie in den Arbeitsalltag zu übersetzen und als aktive Wegweiser der Transformation zu handeln.

3. Kultur: Offenheit

Durch Transparenz und Beteiligung entsteht die Bereitschaft zur Veränderung – getragen von einem soliden organisatorischen Fundament.

Nur wenn diese drei Ebenen ineinandergreifen, wird KI von einem operativen Spielzeug zu einem echten strategischen Instrument.

Arbeitet Ihre KI bereits für Ihre Strategie – oder experimentieren Sie nur noch?

Über die Ergebnispräsentation

Die 2. KI-Werkstatt „Forschung – Praxis – Arbeitswelt“ fand am 17. März 2026 statt und wurde von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) gemeinsam mit der TU Dortmund, dem Research Center Trustworthy Data Science and Security und dem Lamarr-Institut veranstaltet.

Im Mittelpunkt der interdisziplinären Konferenz stand der Transfer zwischen aktueller KI-Forschung und ihrer Anwendung in der betrieblichen Praxis. Die Veranstaltung brachte unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und praktische Perspektiven zusammen, um die Chancen, Risiken und Voraussetzungen des KI-Einsatzes in der Arbeitswelt zu diskutieren.

Thematisiert wurden unter anderem die menschengerechte Gestaltung von KI-Systemen, Mensch-KI-Interaktion, Arbeitsschutz, Qualifizierung, Führungskultur und KI-Governance. Weitere Schwerpunkte bildeten Datenschutz, professionelle Autonomie, psychische Belastungen und die verantwortungsvolle Integration von KI in organisationale Prozesse.

Die KI-Werkstatt setzte damit den 2024 begonnenen interdisziplinären Dialog fort und förderte den Aufbau einer Community, die den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt gemeinsam reflektiert und gestaltet.

Quellenangabe

Miller, A., Bohlen, W., & Rossberger, R. (2026, March 17). KI am Arbeitsplatz – wer arbeitet hier eigentlich für wen? Empirische Studie zur Wahrnehmung und strategischen Einbettung von KI in der Arbeitswelt in Deutschland [Conference presentation]. 2. KI-Werkstatt: Forschung – Praxis – Arbeitswelt, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Dortmund, Germany.